Die Artisten in der Zirkuskuppel: ratlos

Handlung entsteht im Kopf des Zuschauers: Leni will einen „Reform“- Zirkus gründen, in dem Fantasie mehr zählt als Leistung.

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Leni Peickert (Hannelore Hoger) ist in dem Dilemma, die Idee ihres Vaters von einer neuen Elefantennummer nicht in ihrem „Reform“-Zirkus umsetzen zu können, da ihr Vater vorher bei einem Sturz vom Trapez stirbt. Die Finanzierung eines „Reform“-Zirkus erweist sich als schwierig, kommt dann jedoch zustande. Doch Leni entscheidet sich schließlich gegen das Projekt und geht zum Fernsehen: der Sieg des „falschen“ Geldes über das „richtige“ Prinzip von Kreativität und Phantasie.

Der Kampf, den Leni führt, wird in Assoziationen, Montagen, Wort- und Bildzitaten, Wochenschauausschnitten, einem Wechsel von Farbe zu Schwarz-Weiß, asynchronem Ton und mitunter überlappenden Tonsequenzen als Film-Essay dargestellt. Der Zuschauer soll so gezwungen werden, sich mit den Problemen einer Utopie auseinandersetzen, die an den Umständen scheitert, deren Scheitern aber in erster Linie gegen die Verhältnisse spricht, die veränderbar sind. „Die Utopie wird immer besser, während wir auf sie warten.“ Wie schon ihr Vater will die Zirkusunternehmerin Leni Peickert artistische Höchstleistungen erbringen, wie er empfindet sie Natürlichkeit als Ideal. Ihre Neuerungen und ihr Perfektionismus führen zum Bankrott des Unternehmens. Mit seiner Distanz zu herkömmlichen/damals normalen Erzählweise wirkt der Film heute modern – wie eine aus vielen Einzelteilen bestehende Pseudo-Doku, auf die man sich einlassen muss (Faction). Auf den Filmfestspielen in Venedig 1968 gewann DIE ARTISTEN IN DER ZIRKUSKUPPEL: RATLOS den „Goldenen Löwen“. Die Dreharbeiten fanden unter dem Eindruck des studentischen Protests von 1967 statt: Zirkus und Revolution sind für den Regisseur die logisch radikalen Formen der Selbstverwirklichung.

»Er läßt sich als eine Absage an das Leistungsprinzip unserer Gesellschaft verstehen und reflektiert gleichzeitig die politische Situation in der Bundesrepublik Deutschland in den späten 60er Jahren und die Lage der deutschen Jungfilmer. Der Regisseur bedient sich einer „offenen“ Form, die auf die geistige Beteiligung des Zuschauers setzt.« (Lexikon des Internationalen Films)

DE 1968 | Regie: Prof. Dr. Alexander Kluge | Mit: Hannelore Hoger, Siegfried Graue, Alfred Edel | ab 16 Jahren | 104 Minuten